SCHWERKRAFT IST ÜBERBEWERTET – ODER WARUM WIR RAUMFAHRT BRAUCHEN

“Ich empfand die Schwerelosigkeit als äußerst angenehm … Die Tatsache, dass man dieses seltsame Phänomen da oben als so natürlich empfindet, bezeugt, wie schnell der Mensch sich einer neuen Umgebung anpassen kann. [...] Dieser Zustand ist sogar so angenehm, dass wir schließlich scherzhaft meinten, der Mensch könne leicht süchtig danach werden. Ich zumindest könnte es.”

Dieses Zitat von John Glenn, dem ersten amerikanischen Astronauten, der die Erde in einem Raumschiff umkreiste, drückt den Wunsch der Menschen nach Schwerelosigkeit perfekt aus: Schon heute kann man ganz einfach Parabelflüge über gängige Erlebnisportale wie Jochen Schweizer oder mydays buchen. Der erfolgreiche britische Entrepreneur Richard Branson träumt bereits davon, wie er Reisen zum Mond ermöglichen kann und will zusätzlich ein Hotel in dessen Umlaufbahn einrichten.

Wahrscheinlich rührt dieser menschliche Traum von Schwerelosigkeit daher, dass unser Alltag von Schwerkraft geprägt ist, egal wie man es nennt: Regeln, Routinen, Rechtsnormen oder eben (z.B. die physikalischen Newton’schen) Gesetze. Und diese „Regelschwerkraft“ hat ihren Sinn und Zweck, nämlich uns in dieser Welt zurechtzufinden und in einem gemeinsamen Denk- und Handlungsrahmen miteinander zu arbeiten und zu leben – ja teilweise sogar, um auf diesem Planeten zu überleben. Wir brauchen also die Schwerkraft! Doch selbst die Newton’schen Gesetze haben im Rahmen moderner physikalischer Theorien wie der Quantenmechanik und der Relativitätstheorie nur noch sehr eingeschränkt Gültigkeit. Wenn sogar vermeintliche Naturgesetze im neuen Erkenntnis-Kontext außer Kraft gesetzt werden, was heißt das dann erst für die von uns Menschen selbst gemachten Regeln? „So und nicht anders funktioniert State of the Art Kommunikation! So und nicht anders macht man Vertrieb! So und nicht anders muss ein Produkt in diesem Markt sein!“ Ist das wirklich so?

Wer die Regelschwerkraft als gegeben akzeptiert und sich sagt „so machen wir das eben“, bleibt an der irdischen Ebene haften. Dabei verpasst er, in die Ebene der Regelschwerelosigkeit vorzudringen und neue Denk- und Handlungsspielräume zu entdecken und zu erforschen. Sein Lösungsmöglichkeiten-Raum ist stabil, aber eng – langfristig wahrscheinlich zu eng. Ich möchte dazu ermuntern, den Mut aufzubringen, über diese Grenze hinaus zu gehen und sich so neue Lösungsmöglichkeiten zu erschließen. Dabei hat sich die folgende Flugroute für uns bislang als zielführend bewährt:

Regelschwerelosigkeit

1. Über Abstraktion die Regelschwerkraft verlassen

Die Ebene des „So ist das eben“ kann man nur verlassen, wenn man
a) die Regeln, denen man bislang – bewusst oder unbewusst – folgt, identifiziert und
b) mögliche Regelbrüche reflektiert. Wir suchen hierfür nach Gemeinsamkeiten im Spielverhalten z.B. einer Branche und stellen die Warum-Frage: Warum ist das so? Und: Muss das so sein?

2. Über Kreation in der Regelschwerelosigkeit zu neuen Lösungsmöglichkeiten gelangen

Nach dem Take-off können wir auf der Ebene der Regelschwerelosigkeit kreativ alternative Prinzipien entdecken, mit ihnen experimentieren – und so neue Lösungsmöglichkeiten gewinnen. Dabei können Kreativitätstechniken zum Einsatz kommen oder Gedankenexperimente angestellt werden, zum Beispiel indem wir die ungeschriebene Definition eines Produktes aus unterschiedlichen Perspektiven heraus verändern oder die üblichen Qualitätskriterien eines Marktes kreativ neu definieren. Die grundlegende Frage auf dieser Ebene lautet: Geht das auch anders?

3. Über Evaluation den Re-Entry meistern

Die in der Regelschwerelosigkeit gewonnenen Lösungen müssen abschließend über Analytik geerdet werden, dh. einer Überprüfung auf ihre Umsetzbarkeit und Wirkung in der Regelschwerkraft standhalten. Hierfür müssen zwei entscheidende Fragen analytisch durchdrungen und beantwortet werden: Können wir das? Lohnt sich das? Über diese konkrete Evaluation und Ausgestaltung kann das richtige Markthandeln eingeleitet werden, also ein Re-Launch der Marketing-Effektivität erfolgen.

11.06.2015 felix v. mengden sagt:

die schwerkraft zu ueberwinden ist tatsaechlich das gebot der stunde. allerdings wie commander webecke richtig betont ist der smarte wiedereintritt in den orbit zur rechten zeit genau so wichtig. dann kann die raketencrew sich kreativ weiterentwickeln. und die marketeers zu echten space invaders werden.
https://www.youtube.com/watch?v=Fe581bHpvZo

15.06.2015 Falk Lungwitz sagt:

Hier kann man nur in jedem Punkt zustimmen. Wenn einmal die Schwerkraft überwunden ist, scheint es gar nicht mehr so schwer zu sein, kreative und ungewöhnliche Lösungen zu erarbeiten. Der Knackpunkt bleibt jedoch das Spiel mit der Schwerkraft nach Wiedereintritt. Wie hier in Punkt 3 beschrieben, sind Analyse und Wirkungsbeschreibung elementar für den Erfolg. Wer hierzu Lösungen anbieten kann, darf auch weiter an ein Hotel in Mondumlaufbahn denken.